Das Standardwerk und wem wir es ans Herz legen

Wer nach einem Standardwerk für Systems Engineering (SE) sucht, stößt schnell auf das Systems Engineering-Handbuch des International Council on Systems Engineering (INCOSE). Doch was sind eigentlich die wesentlichen Inhalte dieses Buchs und wer sollte es lesen? Wir wollen versuchen, diese Fragen zu beantworten.

Das INCOSE Systems Engineering-Handbuch bietet einen tiefgehenden und detaillierten Überblick über die Disziplinen und Anwendungen des Systems Engineerings. Ziel des Handbuchs ist vor allem die Beschreibung von Schlüsselaktivitäten, Prozessen und Methoden, die von (System-)Ingenieur*innen im Verlauf des Lebenszyklus eines Systems unternommen werden. Inhaltlich basiert das Buch auf der ISO 15288:2015 (Systems and software engineering — System life cycle processes), deren formale Prozessbeschreibungen durch Beispiele, Methoden und weiteren Erklärungen ergänzt, tiefergelegt und ausführlich erläutert werden.

Das SE-Handbuch des INCOSE – ein Standardwerk des Systems Engineering.
Foto: Stefan Pfeifer

Wer einen guten Überblick über die normativen Hintergründe und die allgemeinen Prozesse des SE benötigt, dem sei eine Lektüre des Handbuches empfohlen. Für einen schnellen, praxisnahen Überblick über das Themenfeld SE gibt es bessere Einführungsbücher.

ISO 15288 – Normative Hintergründe des Handbuchs

Die ISO 15288:2015 „Systems and software engineering — System life cycle processes” ist die zentrale Norm für das Themenfeld Systems Engineering (SE). Sie definiert das Prozess-Framework zur Beschreibung des Lebenszyklus von Systemen. Die einzelnen Prozessbeschreibungen sind in dem Dokument, wie in einer Norm üblich, oft sehr allgemein und generisch beschrieben. Um den Anwender daher mit detaillierteren Informationen und Beispielen zu versorgen, hat das International Council on Systems Engineering (INCOSE) mit seinem Handbuch diese Norm mit weiteren Inhalten ergänzt. Wesentlich Kerninhalte des Systems Engineerings können so besser verstanden und angewendet werden. Das Handbuch bildet daher eine wesentliche Grundlage für die Systems Engineering-Ausbildung und für ihre Anwendung in der industriellen Praxis, wie sie INCOSE vertritt (INCOSE? siehe Infokasten).

Aufbau und Inhalt des Handbuchs

Das Systems Engineering-Handbuch wird international von der INCOSE in englischer Sprache vertrieben. Im deutschsprachigen Raum wird es von der GfSE als Übersetzung der Originalversion im Direktvertrieb über die Homepage des Vereins angeboten. Wie schon beschrieben, soll das Handbuch vor allem als wichtiges Nachschlagewerk für (System-)Ingenieur*nnen dienen. Dazu will es zum einen ein grundlegendes Verständnis über die Disziplinen und Praktiken des SE vermitteln. Zum anderen stellt es die einzelnen Prozesse des SE auf Basis der ISO 15288 vor und legt diese tiefer. Es richtet sich dabei sowohl an Student*innen und SE-Neulinge als auch an Expert*innen.

Aufgeteilt ist das Handbuch in drei inhaltliche Bereiche. Im ersten Bereich (Kapitel 1-3) werden allgemeine Informationen über z.B. die Motivation für SE vorgestellt und wesentliche Begriffe definiert. Die nachfolgenden Kapitel (4-7) des zweiten Bereichs bilden den Kern des Handbuches. Auf Grundlage der ISO 15288 werden vier Prozessbereiche, die technischen Prozesse, die technischen Managementprozesse, die Vertragsprozesse und die organisatorischen Prozessunterstützungsprozesse definiert und erläutert. Die technischen Prozesse aus Kapitel 4 beschreiben hierbei alle technischen Prozesse während des gesamten Produktlebenszyklus, die nötig sind, um ein System entlang des V-Modells zu erarbeiten. Beispielsweise werden hier Aktivitäten zur Anforderungsanalyse dargestellt.

Prozesse im Systems Engineering

Um den ganzheitlichen Ansatz des SE zu verdeutlichen, behandeln die ISO 15288 und das SE-Handbuch aber nicht nur die reinen technischen Prozesse des SE. Denn obwohl diese die Kerntätigkeiten von (System-)Ingenieur*innen beschreiben, erfordert die erfolgreiche Entwicklung von Systemen auch den interdisziplinären Austausch mit anderen Unternehmensbereichen. Daher werden im Handbuch neben den technischen Prozessen auch weitere Prozesse dargestellt. Die technischen Management-Prozesse beschreiben dabei mit der Entwicklung verbundene Managementaufgaben wie z.B. Risiko- oder Konfigurationsmanagement, die zur Koordination und Steuerung von Entwicklungsprojekten erforderlich sind. Mit den Vertragsprozessen wird berücksichtigt, dass ein Entwicklungsprojekt in der Regel in einem engen Austausch von Auftraggeber und Lieferanten erfolgt. In diesen Prozessen werden daher die Sichten von Auftraggeber und Lieferanten und die benötigten Aktivitäten zur Beschaffung und Lieferung von Systemen beschrieben. Ein Entwicklungsprojekt ist immer auch Teil einer übergeordneten Organisation, die die Entwicklung ermöglicht, steuert und unterstützt. Mit den organisatorischen Prozessunterstützungsprozessen werden deshalb Prozesse wie beispielsweise das Personal- oder Infrastrukturmanagement erläutert, die auf organisatorischer Ebene eine Systementwicklung gewährleisten.

Die vier Prozessbereiche im SE, die das Handbuch darstellt.
Grafik: Fraunhofer IEM / William Neufeld

Zum Schluss enthält das Handbuch in den abschließenden Kapiteln des dritten Bereichs weitere Informationen, die nicht zur ISO 15288 zählen und die dort dargestellten Inhalte ergänzen. Diese Prozesse und Aktivitäten sind beispielsweise das Tailoring, also das Anpassen von Prozessen auf die jeweiligen unternehmens- und projektspezifischen Bedürfnisse, die Implementierung von Systems Engineering in Unternehmen sowie weitere Methodenbeispiele.

Alternative Lektüretipps

Wer also einen guten Überblick über die normativen Hintergründe und die allgemeinen Prozesse des SE erhalten möchte, dem sei eine Lektüre des Handbuches empfohlen. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die mit dem Gedanken spielen, sich als Systems Engineer nach INCOSE oder der GfSE zu zertifizieren. Das Handbuch ist hierfür die Grundlage. Da es aber aufgrund der normativen Historie recht theoretisch und trocken geschrieben ist, gibt es für all diejenigen, die nach einem schnellen, praxisnahen Überblick über das Themenfeld SE suchen, bessere Einführungsbücher. Zu empfehlen sind hier zum Beispiel „Systems Engineering – Die Klammer der technischen Entwicklung“ von der GfSE oder „Innovationen für die Märkte von morgen“ von Gausemeier et al..

INCOSE – die weltweite Interessensvereinigung für SE
Das International Council on Systems Engineering (INCOSE) ist eine gemeinnützige Organisation, die sich als weltweite Interessensvertretung zum Themenfeld SE gegründet hat. Sie will Fachleute verschiedenster Fachrichtungen zusammenbringen, um Methoden des SE weiterzuentwickeln und einen systemorientierten Lösungsansatz (Stichwort: „Systemdenken“) für Probleme aller Art zu verbreiten. Die Vision der Organisation lautet dementsprechend: Eine bessere Welt durch einen systemorientierten Ansatz. Der deutsche Ableger der INCOSE ist die Gesellschaft für Systems Engineering (GfSE). Die GfSE vertritt die INCOSE im deutschsprachigen Raum und offeriert ein deutschsprachiges Dienstleistungsangebot wie z.B. die Zertifizierung SE-Zert zum „Certified Systems Engineer (GfSE)®“.

Literatur und Links

MBSE Methode Organisation Prozesse Rollen Systemmodell

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Autor*in des Beitrags: Stefan Pfeifer Fraunhofer IEM
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